Zukunft

Patient 2.0:

 

Patienten, die heute mit gesundheitlichen Beschwerden in die Praxis kommen, haben sich oft im Vorfeld über das Internet zu ihren Symptomen informiert. Außerdem kennen sie ihre eigene Gesundheit und Fitness dank Apps und Widgets besser als je zuvor. Aber was bedeutet das für das Arzt-Patienten-Verhältnis?

Die Sorge und das Kümmern um die Gesundheit sind längst nicht mehr Monopol der Ärzte. Immer mehr Patienten kommen mit selbst recherchiertem „Vorwissen“ aus dem Internet in die Arztpraxis. Einer von dem Ärztebewertungsportal Jameda in Auftrag gegebenen Patientenbefragung zufolge hat das Internet dem Arzt als erster Anlaufstelle für Fragen rund um das Thema Gesundheit den Rang abgelaufen. Fast 90 Prozent der knapp 1.000 Befragten gaben an, für die Suche nach Gesundheitsinformationen das Internet zu nutzen.1

Neben der überwältigenden Zahl an Gesundheitsseiten im Internet, die dem medizinischen Laien heutzutage Informationen zu Symptomen, Erkrankungen und möglichen Therapien liefern, kann inzwischen jeder auch seine eigene Vitalität überwachen. Smartphone-Apps, Fitness-Tracker und andere tragbare Instrumente zur Selbstkontrolle und Selbstdiagnostik – sogenannte Wearables – boomen und erlauben es dem Nutzer, alle erdenklichen Regungen des eigenen Körpers zu überwachen.

Gesundheitsinformationen im Internet oft verwirrend

Ärzte sehen die Vorrecherche des Patienten im Internet mit gemischten Gefühlen. Einerseits erleichtert die Vorinformation das Gespräch über notwendige Diagnoseverfahren, Therapien und eine gemeinsame Entscheidungsfindung. Letzteres hat den Vorteil, dass Patienten einvernehmlich getroffene Entscheidungen häufig besser akzeptieren und umsetzen. Andererseits sind qualifizierte Informationen im Netz Mangelware. Internetseiten mit Gesundheitsinformationen werden von unterschiedlichsten Betreibern mit ebenso unterschiedlichen Interessen angeboten: Kliniken, Arztpraxen, Pharmaunternehmen, medizinischen (Fach-)Gesellschaften, Patientenverbänden und Verlagen.

Dementsprechend fällt auch der Seiteninhalt aus. Über die Hälfte der Patienten, die im Internet nach Gesundheitsinformationen suchen, geben an, dass die reine Masse eher verwirrend als hilfreich ist. Knapp zwei Drittel beklagen die Widersprüchlichkeit der gefundenen Informationen.1 Die Folge: Die Patienten präsentieren in der Sprechstunde Informationen, die vom Arzt erst erklärt und möglicherweise richtiggestellt werden müssen.

Allianz für Ärzte

Zu Ihrer privaten Krankenversicherung –
speziell für Ärzte und Jungmediziner:

Selbstvermessung – modische Spielerei oder echter Gesundheitsvorteil?

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Informationen, die man aus digitalen Tracking-Geräten ziehen kann. Auch hier könnte eine Erklärung vom Fachmann Missverständnisse und Fehlinterpretationen verhindern. Es stellt sich die Frage, ob die digitale Selbstvermessung tatsächlich gesundheitliche Vorteile hat oder ob es sich nur um eine technische Spielerei handelt?

Allein iOS und Google Play Store bieten mehr als 100.000 Apps zur Überwachung der eigenen Gesundheit. Zusammen mit tragbaren Armbändern, Sensoren und Fitness-Trackern liefern sie dem Nutzer zum Beispiel Daten zu Blutdruck, Schlafqualität, Kalorienaufnahme und Energieverbrauch oder erinnern daran, sich mehr zu bewegen.

Glaubt man den Herstellern der Geräte, motivieren sie die Nutzer zu mehr Bewegung und einem gesünderen Lebensstil.2 Fragt man die Nutzer der Wearables, lässt die Faszination der kleinen „Kontrolleure“ im Alltag aber schnell nach: Laut einer Studie von 2013 hat ein Viertel der Befragten schon einmal eine Fitness-App heruntergeladen – doch weniger als 6 Prozent nutzen sie täglich.3 Einer weiteren Befragung zufolge nutzt jeder zweite Besitzer eines Aktivitäten-Trackers das Gerät nicht mehr – und jeder Dritte hat es schon innerhalb der ersten 6 Monate abgelegt.4

Vom medizinischen Standpunkt aus ist die größte Schwäche der tragbaren Messgeräte bislang, dass sie vor allem oberflächliche – weil leicht messbare – Parameter erfassen. Deswegen lassen sich die erfassten Werte nicht auf die Goldwaage legen. Doch das könnte sich bald ändern. Viele Hersteller arbeiten inzwischen mit Universitäten zusammen, um Geräte zu entwickeln, die tatsächlich medizinisch sinnvolle und verwertbare Ergebnisse liefern – etwa Messungen von Blutzuckerwerten. Wessen Aufgabe es dann sein wird, die Flut an selbstgemessenen Daten auszuwerten, bleibt allerdings offen.

Quellen

1 Jameda-Patientenbefragung (n=912), 2012
2 Pressemitteilung bitkom vom 4.8.2015: „Sechs von zehn Hobbysportlern nutzen Hightech Geräte beim Sport“
3 Euromonitor International vom 29.8.2013 "The Growing Use of Mobile Health and Fitness Apps"
4 Endeavour Partners LLC - Wearables White Paper vom 30.1.2014 "How the Science of Human Behavior Change Offers the Secret to Long-Term Engagement"

Drucken Nach oben